Arbeitslosigkeit


Arbeitslosigkeit

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Ar|beits|lo|sig|keit ['arbai̮ts̮lo:zɪçkai̮t], die; -:
1. das Arbeitslossein; Zustand, arbeitslos zu sein:
seine Arbeitslosigkeit dauert schon ein Jahr.
2. das Vorhandensein von Arbeitslosen:
es gab kaum, keine Arbeitslosigkeit.

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Ạr|beits|lo|sig|keit 〈f. 20; unz.〉 Mangel an Arbeitsgelegenheit mit Verdienst; Sy Erwerbslosigkeit

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Ạr|beits|lo|sig|keit , die; -:
1. das Arbeitslossein; Zustand, arbeitslos (1) zu sein.
2. das Vorhandensein von Arbeitslosen:
es gab kaum, keine A.

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Arbeitslosigkeit,
 
Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt, bei dem die angebotene Art und Menge von Arbeitsleistungen die nachgefragte Art und Menge übersteigt, sodass ein Teil der Erwerbspersonen zeitweise ohne Beschäftigung ist. Produktionstheoretisch bedeutet Arbeitslosigkeit eine Unterauslastung des Produktionsfaktors Arbeit: das vorhandene Arbeitskräftepotenzial wird nicht vollständig zur Produktion von Waren und Dienstleistungen genutzt (Unterbeschäftigung). Aus wirtschaftspolitischen, aber noch mehr aus sozial- und gesellschaftspolitischen Gründen (materielle Einbußen, Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls) gilt die Vermeidung von Arbeitslosigkeit beziehungsweise Gewährleistung eines hohen Beschäftigungsstandes (Vollbeschäftigung) als ein wichtiges politisches Ziel. Gleichwohl können Konflikte mit anderen gesamtwirtschaftlichen Zielen (z. B. Preisniveaustabilität, Phillips-Kurve) auftreten.
 
 
Arbeitslosigkeit lässt sich zurückverfolgen bis zum Beginn des arbeitsteiligen Wirtschaftens, d. h. bis in die Antike. Auch in der mittelalterlichen Wirtschaft der Zünfte und der Manufakturwirtschaft der jüngeren Neuzeit gab es Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt, wenngleich diese Wirtschaftsordnungen keine Massenarbeitslosigkeit im heutigen Sinne kannten. Extreme Formen hat die Arbeitslosigkeit im Zeitalter der Industrialisierung und v. a. während der Weltwirtschaftskrise 1929 angenommen (Tabelle 1). Andererseits kennt man sie nicht in Zeiten der Zwangsherrschaft, der Sklaverei und der Leibeigenschaft sowie während des Arbeitsdienstes in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Dauerhaft beseitigt wurde Arbeitslosigkeit nur in den sozialistischen Planwirtschaften unter enormen Wohlfahrtsverlusten und unter Einschränkung individueller Freiheiten.
 
In modernen Industriestaaten ist Arbeitslosigkeit als Massenphänomen ein ernst zu nehmender Faktor; eine zeitweilig geringe Arbeitslosigkeit wie in der Bundesrepublik Deutschland in den 60er-Jahren oder über Jahrzehnte in der Schweiz und in Schweden ist eher die Ausnahme. Sieht man davon ab, so lag die Arbeitslosenquote in den Industrieländern in den letzten 10 Jahren bei etwa 7 % bis 8 %.
 
In Deutschland lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2000 bei 9,6 %; sie war damit fast immer noch so hoch wie 1994, also wenige Jahre nach der Wiedervereinigung. Damit ist aber die Unterauslastung des Arbeitskräftepotenzials nicht hinreichend beschrieben. Neben den rd. 3,9 Mio. registrierten Arbeitslosen sind auch diejenigen Erwerbspersonen zu nennen, die der so genannten stillen Reserve zugerechnet werden oder - v. a. in den neuen Bundesländern - durch besondere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen (Vorruhestand, Altersübergangsgeld, Vollzeitmaßnahmen der Fortbildung, Umschulung beziehungsweise der beruflichen Weiterbildung, Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen, Kurzarbeit) vor direkter Arbeitslosigkeit bewahrt wurden. Dabei handelt es sich um eine Zahl von 2,0 Mio. Die Unterauslastung des Faktors Arbeit ist damit auf 5,9 Mio. Personen (jahresdurchschnittlich) zu beziffern.
 
Ursachen und Struktur der Arbeitslosigkeit sowie Verteilung auf bestimmte Personengruppen sind in den alten und den neuen Bundesländern immer noch sehr unterschiedlich; eine längere zeitliche Betrachtung ist zudem nur für Westdeutschland möglich.
 
Im früheren Bundesgebiet gelang nach dem Zweiten Weltkrieg ein rascher Abbau der v. a. durch Kriegsfolgen (Zerstörungen, Flüchtlingszustrom) bedingten Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote sank von (1950) 10,4 % auf (1961) 0,9 %. Bis Anfang der 70er-Jahre folgte eine Phase mit sehr geringer Arbeitslosigkeit, zeitweise mit Überbeschäftigung, in der der Arbeitskräftebedarf bei sinkendem inländischen Erwerbspersonenpotenzial durch die Anwerbung von über 2 Mio. ausländischen Arbeitnehmern gedeckt werden musste. Vom niedrigsten Stand 1962 (155 000 Arbeitslose; Arbeitslosenquote 0,7 %) erhöhte sich die Arbeitslosigkeit in der kurzen Rezession 1967 (459 000; 2,1 %) und schien sich 1973 auf niedrigem Niveau zu stabilisieren (272 000; 1,2 %).
 
Im Gefolge der ersten Ölpreiskrise im Jahr1974 stieg die Arbeitslosigkeit schlagartig an. 1975 überschritt die Zahl der registrierten Arbeitslosen erstmals seit 1954 wieder die Millionengrenze (die Arbeitslosenquote betrug 4,7 %). Mit der konjunkturellen Erholung konnte die Arbeitslosigkeit bis 1980 zwar etwas abgebaut werden. Vor dem Hintergrund der durch die zweite Ölpreiskrise verursachten Stagnation verdoppelte sich jedoch die Zahl der Arbeitslosen von 1980 bis 1982 und überschritt 1983 im Jahresdurchschnitt die 2-Millionen-Grenze. 1985 waren 2,3 Mio. Menschen als arbeitslos registriert (Arbeitslosenquote: 9,3 %).
 
Trotz des 1982 einsetzenden und bis zu Beginn der 90er-Jahre anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs verharrte die Arbeitslosigkeit zumindest bis 1989 auf relativ hohem Niveau. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass 1989 im Vergleich zu 1983 1,4 Mio. Erwerbstätige mehr beschäftigt wurden. Einem Arbeitsmarktausgleich stand jedoch im gleichen Zeitraum eine Zunahme des Erwerbspotenzials in einer Größenordnung von 1,58 Mio. im Wege. Die Entwicklung verlief allerdings regional und sektoral unterschiedlich: Traditionelle Industriestandorte im Saarland, dem Ruhrgebiet und in Küstenregionen fielen weiter hinter Regionen in Baden-Württemberg und Südbayern mit vergleichsweise modernen Produktionsstrukturen im Fahrzeug- und Maschinenbau oder der Elektroindustrie zurück.
 
Die deutsche Vereinigung führte wegen der hohen nachfragewirksamen Transfers dazu, dass sich die Ende der 80er-Jahre weltweit beginnende Rezession erst ab 1992 auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt niederschlug. Auch für den Zeitraum 1990-92 galt, dass die Steigerung der Erwerbstätigkeit um weitere 1,794 Mio. in hohem Maße durch den gleichzeitigen Anstieg des Erwerbspotenzials ermöglicht wurde und der Rückgang der Arbeitslosigkeit eher bescheiden ausfiel. Immerhin erhöhte sich die Beschäftigung 1983-92 um 3,2 Mio. und erreichte mit 31,47 Mio. den bis dahin höchsten Stand der Nachkriegsgeschichte. Infolge der 1992 einsetzenden Rezession kam es in den alten Bundesländern zu einem erneuten Anstieg der Arbeitslosigkeit, die 1997 mit jahresdurchschnittlich über 3 Mio. einen neuen Höchststand erreichte.
 
Eine Besonderheit der Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist, dass sich der rezessionsbedingte Anstieg der Arbeitslosigkeit in der nachfolgenden Erholungsphase nicht mehr zurückbildete und der Anstieg der Arbeitslosenzahl in einer weiteren Rezession auf einem jeweils höheren »Sockel« begann (Hysteresis-Phänomen).
 
Die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern entwickelte sich in kürzester Frist von einer planwirtschaftlichen Vollbeschäftigung (9,75 Mio. Erwerbstätige im Herbst 1989) in einem Umfang, der auch Größenordnungen in vergleichbaren mittel- und osteuropäischen Transformationsstaaten (z. B. Polen, Tschechische Republik, Ungarn) übertraf. Bei der Beurteilung muss berücksichtigt werden, dass die hohe Zahl von Erwerbstätigen in der DDR auf einer Volkswirtschaft mit geringer Produktivität sowie einer Fülle von systembedingten Tätigkeiten im politischen, sozialen, kulturellen und staatlichen Bereich basierte. Insoweit wird im Hinblick auf die Beschäftigungssituation auch von »verdeckter Arbeitslosigkeit« gesprochen.
 
Für den raschen Abbau von Arbeitsplätzen in den neuen Bundesländern, der sich nur zu einem geringen Teil in registrierter Arbeitslosigkeit niederschlug, waren mehrere Gründe maßgebend. Die mit der Wirtschafts- und Währungsunion vom 1. 7. 1990 verbundene starke währungspolitische Aufwertung der DDR-Wirtschaft setzte die Betriebe unter starken Anpassungsdruck. Die in der Folgezeit vereinbarte relativ rasche Angleichung der ostdeutschen Löhne an das westdeutsche Niveau, der keine analogen Produktivitätsfortschritte folgten, verschärften die Situation weiter. Hinzu kam, dass die sektorale Struktur jener der alten Bundesländer in den 60er-Jahren entsprach, wodurch in kürzester Frist ein grundlegender Strukturwandel zu vollziehen war. Der Wegfall der traditionellen Ostmärkte sowie die Notwendigkeit, sich auf den gesamtdeutschen und internationalen Märkten behaupten zu müssen, zwangen die Unternehmen, in erheblichem Maße Arbeitskräfte freizusetzen. Insgesamt gingen in den neuen Bundesländern bis 2000 3,35 Mio., d. h. etwa 35 % der 1989 existierenden Arbeitsplätze, verloren. Die Zahl der Arbeitslosen stieg allerdings »nur « auf 1,36 Mio. im Jahre 2000. Dies war nur möglich durch massiven Einsatz arbeitsschaffender und arbeitsstützender Maßnahmen, Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen sowie zusätzliche Instrumente zur Verringerung des Arbeitskräfteangebots wie Vorruhestands- und Altersübergangsgeld. Darüber hinaus wurde der ostdeutsche Arbeitsmarkt durch Abwandern und Pendeln von Ost- nach Westdeutschland in erheblichem Maße entlastet. Zu Beginn des Restrukturierungsprozesses standen Kurzarbeit (einschließlich Kurzarbeit von null Stunden) sowie Vorruhestandsgeld und - nachfolgend - das Altersübergangsgeld im Vordergrund. Mit dem Rückgang der Kurzarbeitsregelungen wurden ab 1992 v. a. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), Strukturanpassungsmaßnahmen (SAM) und Strukturanpassungsmaßnahmen Ost für Wirtschaftsbetriebe (SAM OfW) sowie Maßnahmen der Fortbildung und Umschulung (FuU) beziehungsweise Förderung der beruflichen Weiterbildung (FbW) eingesetzt (Tabelle 2).
 
Österreich und die Schweiz waren in der Nachkriegszeit in wesentlich geringerem Ausmaß von Arbeitslosigkeit betroffen als die Bundesrepublik Deutschland In Österreich erreichte die Nachkriegsarbeitslosigkeit mit (1953) 183 875 Arbeitslosen und einer Arbeitslosenquote von 8,7 % ihren Höchststand; 1960 waren erstmals weniger als 100 000 Erwerbspersonen als arbeitslos gemeldet. 1961-81 kann von einer Phase der Vollbeschäftigung gesprochen werden mit Arbeitslosenquoten zwischen (1974) 1,5 % und (1968) 2,9 %. 1982 wurden erstmals nach 1959 wieder mehr als 100 000 Arbeitslose registriert (Arbeitslosenquote 3,7 %). Während der Rezession zu Beginn der 90er-Jahre stieg auch in Österreich die Arbeitslosigkeit; das Niveau blieb aber mit Abstand unter jenem in Deutschland In der Schweiz waren 1950 30 177 Ganzarbeitslose (im Unterschied zu Teilarbeitslosen = Kurzarbeitern) registriert. Diese Arbeitslosenzahl sank schon 1955 auf unter 10 000; 1960 waren lediglich 1 227 Erwerbspersonen arbeitslos. Die Arbeitsmarktlage ist trotz des Anstiegs der Zahl der Ganzarbeitslosen bis 1990 bei Arbeitslosenquoten von unter 1 % durch Vollbeschäftigung gekennzeichnet. 1961-74 waren weniger als 5 000 Ganzarbeitslose registriert, 1969-74 sogar weniger als 500 (Tiefststand 1974: 134). Im Gefolge der Rezession am Beginn der 90er-Jahre stieg die Arbeitslosigkeit auch in der Schweiz. Sie erreichte dabei 1993 mit 163 135 Arbeitslosen beziehungsweise einer Arbeitslosenquote von 4,5 % ihren höchsten Stand in der Nachkriegszeit; inzwischen hat sie sich wieder nachhaltig zurückgebildet.
 
Seit Mitte der 70er-Jahre ist die Arbeitslosigkeit in fast allen Industrieländern ständig gestiegen und erreichte 1993/94 rezessionsbedingt einen Höhepunkt. Die Arbeitslosenquoten der EU-Länder liegen im Durchschnitt über denen der OECD insgesamt.
 
Kennzeichnend für die Arbeitslosigkeit in Industrieländern ist die starke Zunahme zu Beginn der 80er-Jahre und die zum Teil nur zögerliche Rückbildung in den Folgejahren. Weltweit sind nach Schätzungen der ILO (2000) 160 Mio. Menschen ohne Beschäftigung. Hinzu kommen etwa 500 Mio. Beschäftigte, die aufgrund niedriger Arbeitslöhne nicht in der Lage sind, sich und ihre Familien zu ernähren.
 
 
Die Struktur der Arbeitslosigkeit nach Berufen, Branchen, Regionen und demographischen Merkmalen unterliegt einem ständigen Wandel. Trotzdem lassen sich bestimmte Problembereiche identifizieren. Die regional höchsten Arbeitslosenquoten im früheren Bundesgebiet wurden im Jahr 2000 aus den norddeutschen Küstenregionen (z. B. Leer [Ostfriesland], Emden, Bremerhaven, Wilhelmshaven), der niedersächsischen Automobil-Region (z. B. Helmstedt, Hannover), dem Saarland (z. B. Saarbrücken) und dem Ruhrgebiet (z. B. Dortmund, Duisburg, Bochum, Gelsenkirchen), aber auch Köln mit mit Werten um oder über 10 % gemeldet. Besonders niedrige Arbeitslosenquoten weisen einige Arbeitsamtsbezirke in Südbayern auf (z. B. Freising, Donauwörth, Rosenheim, Traunstein). Nach Bundesländern sind Erwerbspersonen in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz am wenigsten von Arbeitslosigkeit betroffen (Tabelle 3).
 
In den neuen Bundesländern gehören zu den am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffenen Gebieten v. a. ländliche Regionen, insbesondere nördlich von Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch die Randgebiete zu den alten Bundesländern sowie Sachsen-Anhalt. Vergleichweise günstig schneiden die Ballungsgebiete Leipzig, Dresden, Halle und als Sonderfall Ost-Berlin ab.
 
Das Risiko, arbeitslos zu werden und zu bleiben, wird stark von persönlichen Merkmalen (Alter, Berufsausbildung, Geschlecht, Nationalität, Gesundheitszustand) beeinflusst. Viele Arbeitnehmer sind nicht ausreichend oder dem Bedarf entsprechend ausgebildet. So beträgt der Anteil von Nichtfacharbeitern und einfachen Angestellten an den Arbeitslosen (2000) 37,8 %. In den neuen Bundesländern spielt die Qualifikation eine eher untergeordnete Rolle, da die Erwerbstätigen in der DDR weitgehend formalisierte Berufsausbildungen mit entsprechenden Abschlüssen absolvierten. So ist der Anteil der Arbeitslosen ohne abgeschlossene Berufsausbildung hier nur etwa halb so hoch wie in den alten Bundesländern. Dagegen tragen die Frauen in den neuen Bundesländern die Hauptlast der Arbeitslosigkeit. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Arbeitslosen ging zwar von (1992) 64,7 % auf (2000) 51,8 % zurück. Die spezifische Arbeitslosenquote lag aber trotz der sich schrittweise zurückbildenden Erwerbsneigung der Frauen immer noch über der der Männer und betrug im Jahr 2000 noch knapp 20 %. Auch unter den Langzeitarbeitslosen findet man überwiegend (63 %) Frauen.(Tabelle 4)
 
Als Problemgruppen, die besonders von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind, gelten Behinderte, ausländische, gering qualifizierte und ältere Arbeitnehmer, wobei diese Merkmale zum Teil miteinander korrelieren und in Kombination zu differenzierten Risikolagen führen. So treten beispielsweise gesundheitliche Beeinträchtigungen überwiegend bei älteren Personen auf; fehlt bei solchen Arbeitslosen auch noch eine berufliche Ausbildung, ist ihre Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt besonders schwierig. Umgekehrt sind die Probleme der gering qualifizierten bedeutend geringer, soweit es sich um jüngere, gesunde Personen handelt. Differenzierte Analysen der Arbeitsmarktforschung zeigen, dass bei Kontrolle aller relevanten Einflussfaktoren dem Alter das größte Gewicht bei der Wiedereingliederung zukommt. So war 2000 in den alten Bundesländern fast jeder vierte und in den neuen Ländern knapp jeder fünfte Arbeitslose älter als 55 Jahre; im früheren Bundesgebiet hat sich der Anteil von 1975 bis 2000 mehr als verdoppelt. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass eine bestimmte Anzahl älterer Arbeitsloser auch nach dem Rentenreformgesetz 1999 (Rentenversicherung) vor Erreichen des 65. Lebensjahres vorgezogenes Altersruhegeld beantragt und aus dem Erwerbsleben ausscheidet sowie 58-Jährige auf Vermittlungsbemühungen der Arbeitsämter verzichten können und dann nicht mehr als Arbeitslose gezählt werden. Im Jahr 2000 waren dies rd. 191 000 Personen. Demgegenüber bleibt bei Kerngruppen des Arbeitsmarktes, v. a. bei gut ausgebildeten Personen mittleren Alters, das Risiko, arbeitslos zu werden und zu bleiben, unterdurchschnittlich (Tabelle 5).
 
Die Arbeitslosenquote ausländischer Arbeitnehmer betrug (2000) 17,3 %. Diese überdurchschnittliche Quote ist v. a. darauf zurückzuführen, dass der Anteil der Facharbeiter und Angestellten unter den Ausländern relativ niedrig ist und ausländische Arbeitnehmer oft in krisenanfälligen Branchen arbeiten (z. B. Bausektor, Eisen- und Stahlindustrie).
 
Die Bestandszahlen und ihre Struktur beziehungsweise die speziellen Arbeitslosenquoten weisen im Grunde nur auf Gruppenrisiken hin, z. B. auf die überdurchschnittliche Belastung der Älteren oder der norddeutschen Regionen durch Arbeitslosigkeit. Sie sagen für sich genommen wenig über die Risiken von Einzelpersonen. Diese werden erst sichtbar, wenn man Bewegungsvorgänge (Zugänge in, Abgänge aus Arbeitslosigkeit) in die Betrachtung einbezieht. Dabei wird das Arbeitslosigkeitsrisiko zerlegt in ein Zugangsrisiko (mit geringerer Bedeutung) und ein Verweilrisiko. Die Arbeitslosenquoten von Jüngeren und von Älteren sind, auch bei gleicher Höhe, verschieden zu bewerten: die Jüngeren haben ein hohes Zugangsrisiko (Übergang von der Ausbildung in den Beruf) bei vergleichsweise kurzem Verweilrisiko. Die Älteren haben (u. a. wegen des Kündigungsschutzes) ein vergleichsweise geringeres Zugangsrisiko, sie haben aber ein weit überdurchschnittliches Verweilrisiko und werden so zur wichtigsten Zielgruppe der Arbeitsmarktpolitik.
 
Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit und ihre Verteilung ist insofern eine zentrale Kenngröße von Arbeitsmärkten und Teilarbeitsmärkten, auch im internationalen Vergleich. So ist z. B. der Arbeitsmarkt der USA im Hinblick auf Arbeitslosigkeit durch eine hohe Umschlagsgeschwindigkeit, also hohe Zugangszahlen bei geringer Verweildauer, gekennzeichnet. Westeuropäische Arbeitsmärkte, z. B. Deutschland, Frankreich, liegen im mittleren Feld.
 
Der Dauer der Arbeitslosigkeit kommt auch insoweit eine besondere Bedeutung bei der Beurteilung des Arbeitsmarktes zu, als sie die zentrale Komponente bei Bestandsveränderungen (Auf- und Abbau der Arbeitslosigkeit) darstellt. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit von der Vollbeschäftigung im Jahre 1972 mit einer Arbeitslosenquote von 1,1 % auf 1,272 Mio. Arbeitslose 1981 ging noch etwa gleichgewichtig einher mit einer Verlängerung der Dauer von durchschnittlich 6,9 Wochen auf 16,2 Wochen und einer Zunahme der Betroffenheit von 8,4 % auf 18 %. Dagegen vollzog sich der weitere Anstieg der Arbeitslosenquote von (1981) 5,5 % auf (1986) 9,0 % ausschließlich über die Dauer, die sich von 16,2 Wochen auf 30,5 Wochen verlängerte. 2000 lag die Dauer für Gesamtdeutschland bei 35 Wochen; in den neuen Bundesländern ist sie nur geringfügig höher als im früheren Bundesgebiet.
 
Angesichts der Herausbildung hartnäckiger Langzeitarbeitslosigkeit - darunter fallen Personen, die bereits länger als ein Jahr arbeitslos sind - wird der Dauer der Arbeitslosigkeit verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet. In den alten Bundesländern hatte die Langzeitarbeitslosigkeit bereits Mitte der 80er-Jahre Anteilswerte von über 30 % erreicht. Nach einem durch arbeitsmarktpolitische Programme erreichten Rückgang auf (1993) 26 % überschritt sie 1995 erneut die 30 %-Marke und lag 2000 bei 36,4 %. In den neuen Bundesländern wird inzwischen eine ähnliche Größenordnung erreicht.
 
 Ursachen · Erklärungen
 
Grundsätzlich vollzieht sich die Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt. Wie jedes Marktungleichgewicht kann Arbeitslosigkeit durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht sein, wobei zunächst aufgrund des Messkonzepts zwischen registrierter Arbeitslosigkeit und nicht registrierter (versteckter) Arbeitslosigkeit unterschieden wird. Versteckte Arbeitslosigkeit liegt u. a. vor, wenn Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben ausscheiden, ohne sich arbeitslos zu melden, Arbeitskräfte aufgrund fehlender Beschäftigungsmöglichkeiten vorzeitig in den Ruhestand treten, Jugendliche mangels Beschäftigungsmöglichkeiten ihre Bildungswege, Mütter entsprechend ihre Kindererziehungszeiten verlängern, arbeitslos gewordene Ausländer zeitweilig in ihr Heimatland zurückkehren (exportierte Arbeitslosigkeit). Nicht registriert wird auch Arbeitslosigkeit aufgrund einer zeitweiligen Verringerung der Arbeitszeit (z. B. Kurzarbeit, Überstundenabbau) und verdeckte Arbeitslosigkeit (Arbeitskräfte nehmen eine unterwertige Beschäftigung an, Arbeitnehmer sind unproduktiv beschäftigt). stille Reserve.
 
Versteckte und verdeckte Arbeitslosigkeit haben zur Folge, dass die gemessene (registrierte) Arbeitslosigkeit die tatsächliche Arbeitsmarktsituation tendenziell zu positiv wiedergibt. Andererseits muss berücksichtigt werden, dass es auch Arbeitslose gibt, die zwar arbeitsfähig, aber nicht arbeitswillig sind oder freiwillig ihren Arbeitsplatz wechseln und dadurch kurzfristig arbeitslos werden. Dieser Teil der Arbeitslosigkeit wird als »unecht« oder »freiwillig« bezeichnet. Unechte Arbeitslosigkeit führt dazu, dass die gemessene Arbeitslosigkeit die tatsächliche Arbeitsmarktsituation tendenziell zu negativ wiedergibt.
 
Arbeitslosigkeit, die auf einen freiwilligen Arbeitsplatzwechsel zurückzuführen ist, ist Teil der so genannten friktionellen Arbeitslosigkeit. Diese kann darüber hinaus auch dadurch verursacht sein, dass aufgrund von Strukturverschiebungen der Nachfrage bei Vollbeschäftigung Arbeitskräfte in einer (schrumpfenden) Branche freigesetzt werden, aufgrund mangelnder Transparenz des Arbeitsmarktes einige Wochen verstreichen, bis ein neuer Arbeitsplatz in einer (wachsenden) Branche gefunden ist. In beiden Fällen ist friktionelle Arbeitslosigkeit vorübergehend mit einem Arbeitsplatzwechsel verbundene »Sucharbeitslosigkeit«: die Arbeitsplatzsuche ist zeitaufwendig und verursacht einen vollkommenen - oder bei Zahlung von Arbeitslosengeld oder Abfindungen - teilweisen Einkommensausfall. Der Arbeitssuchende handelt ökonomisch rational, da er die erwarteten Erträge (z. B. höheres Arbeitsentgelt, bessere Arbeitsbedingungen) mit den Kosten des Arbeitsplatzwechsels vergleicht (z. B. Bewerbungskosten, Einkommensausfälle) und Arbeitslosigkeit so lange in Kauf nimmt, wie die Erträge die Kosten übersteigen.
 
In jahreszeitlich bedingten Produktions- und Nachfrageschwankungen liegt die Ursache für saisonale Arbeitslosigkeit. Besonders betroffen hiervon sind Landwirtschaft, Baugewerbe und Tourismus sowie ihre vor- oder nachgelagerten Produktionsstufen. Saisonale und friktionelle Arbeitslosigkeit werden auch als temporäre oder kurzfristige Formen der Arbeitslosigkeit bezeichnet.
 
Kommt es zu einem vorübergehenden Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage, so führt das Nachfragedefizit auf den Gütermärkten auch zu einem Nachfragedefizit am Arbeitsmarkt, d. h. zu Freisetzung von Arbeitskräften. Ursache für diese konjunkturelle (keynesianische) Arbeitslosigkeit sind also Schwankungen im Auslastungsgrad des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials. J. M. Keynes erklärte die Massenarbeitslosigkeit als Koordinationsversagen des Marktsystems und wies dem Staat die Aufgabe zu, Vollbeschäftigung sicherzustellen. Gelingt hiernach die Nachfragestimulierung, um die Unterauslastung des Produktionspotenzials zu beseitigen, ist konjunkturelle Arbeitslosigkeit kurzfristig; versagt aber die staatliche Wirtschaftspolitik, verschärft sich der kontraktive Prozess, die konjunkturelle Arbeitslosigkeit dauert länger an (Beschäftigung).
 
Längerfristige Formen der Arbeitslosigkeit (Dauerarbeitslosigkeit) können in einer gesamtwirtschaftlichen Arbeitsplatzlücke als Folge eines zu geringen Wirtschaftswachstums (Wachstumsdefizitsarbeitslosigkeit) begründet sein, oder sie sind strukturell bedingt. Strukturelle Arbeitslosigkeit beruht auf regionalen, berufs- und qualifikationsspezifischen, branchenmäßigen, geschlechts- und altersspezifischen Missverhältnissen zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage. Diese Missverhältnisse werden zum einen mit Merkmalsdiskrepanzen zwischen Arbeitskräfteangebot und -nachfrage begründet und zum anderen als Folge unzureichender Anpassungsfähigkeit (Mobilität) betrachtet. Bis zu einem bestimmten Grad ist für eine dynamische Wirtschaft strukturelle Arbeitslosigkeit unvermeidlich, da sich die Zusammensetzung von Angebot und Nachfrage ständig verändert und die Anpassung des Faktors Arbeit begrenzt ist. Entscheidende Ursache für strukturelle Arbeitslosigkeit sind Veränderungen in den Produktionsbedingungen infolge eines Strukturwandels (Veränderungen in der Struktur der Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, Produkt- und Preisinnovationen). Technologischer Wandel kann zu einer Freisetzung von Arbeitskräften in bestimmten Branchen führen. Dieser Freisetzungseffekt des technischen Fortschritts kann die Aufnahmefähigkeit wachstumsstarker Branchen übersteigen, sodass es trotz hinreichender Mobilität der Arbeitskräfte zu technologischer Arbeitslosigkeit kommt. Der allgemeine Strukturwandel führt auch zu Strukturverschiebungen der Arbeitskräftenachfrage nach bestimmten Berufen und Qualifikationen. Da sich der künftige Qualifikationsbedarf nur begrenzt prognostizieren lässt und die Anpassung der Qualifikation Zeit braucht, ist strukturelle Arbeitslosigkeit die Folge.
 
Regionale Arbeitsplatzverlagerungen führen bei unzureichender Mobilität zu erhöhter Arbeitslosigkeit besonders in Regionen mit unausgewogener Wirtschaftsstruktur, z. B. mit einem hohen Anteil veralteter beziehungsweise schrumpfender Wirtschaftszweige (z. B. Eisen- und Stahlindustrie, Schiffbau, Bergbau im Ruhrgebiet), mit einem hohen Anteil schrumpfender Branchen (z. B. Landwirtschaft, Textilindustrie) oder mit Standortnachteilen. Ein wichtiges Mobilitätshemmnis stellt eine nicht marktgerechte Lohnstruktur dar. Eine marktkonforme sektorale, regionale und berufliche Lohndifferenzierung ermöglicht eher die Anpassung des Arbeitsmarktes an den Strukturwandel auf den Gütermärkten. Neoklassiker und Monetaristen erklären Arbeitslosigkeit v.a. als Ausdruck unzureichender Flexibilität des Arbeitsmarktes: häufig würden relativ zu hohe Reallohnsätze zum Verlust rentabler Arbeitsplätze v. a. im Bereich niedriger Qualifikationsgruppen (Mindestlohnarbeitslosigkeit) führen.
 
Eng verknüpft mit der strukturellen Arbeitslosigkeit auf sektoraler Ebene ist die Arbeitslosigkeit als Folge eines dauerhaften gesamtwirtschaftlichen Mangels an Arbeitsplätzen auf gesamtwirtschaftliche Ebene. Hauptursachen sind eine anhaltende Verlangsamung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums bei unveränderter Steigerung der Arbeitsproduktivität (Stagnationsarbeitslosigkeit) und eine zunehmende Freisetzung von Arbeitskräften durch Rationalisierung vieler Arbeitsabläufe in Industrie und Verwaltung (z. B. Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien). Gesamtwirtschaftlich übersteigt dann der Freisetzungseffekt des technischen Fortschritts den Kompensationseffekt (Ausgleichseffekt) durch wirtschaftlichen Wachstum (technologische Arbeitslosigkeit) auf gesamtwirtschaftliche Ebene. Dritte Ursache ist ein im langfristigen Trend zunehmendes Erwerbspersonenpotenzial aufgrund demographischer Entwicklungen, insbesondere Zuwanderungen (Ausländer, Aussiedler) und Veränderungen im Erwerbsverhalten. Diesem steigenden Arbeitskräfteangebot steht unter Umständen kurzfristig keine entsprechende Erhöhung des Arbeitsplatzangebots gegenüber (demographische Arbeitslosigkeit).
 
Die Wachstumsverlangsamung wird auf bestehende Wachstumsgrenzen hoch entwickelter Industriestaaten sowie auf gesamtwirtschaftliche nachfrage- und angebotsseitige Störungen zurückgeführt. Auf der Nachfrageseite werden v. a. Sättigungstendenzen im Konsumgüterbereich aufgrund eines Wertewandels zugunsten von mehr Freizeit und weniger materiellem Wohlstand diskutiert.
 
Gründe für angebotsseitige Wachstumsstörungen werden in falschen Rahmenbedingungen (unrentable Investitions- und Produktionsbedingungen) für die Privatwirtschaft und dem im Vergleich zu den Sachkapitalkosten starken Anstieg der Arbeitskosten gesehen. Zudem verhindern tarifvertraglich vereinbarte und gesetzliche Mobilitätshemmnisse eine rechtzeitige und wirksame Harmonisierung von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt. Unternehmensentscheidungen (z. B. der Bau neuer Produktionsanlagen) werden stets mit Blick auf die geltenden und erwarteten Steuer-, Sozial- und neuerdings auch auf die Umweltgesetze getroffen. Eine hohe Gewinnbesteuerung im Inland beispielsweise erhöht die Neigung, in Niedrigsteuerländer auszuweichen und damit Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.
 
Der starke Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland seit 1974 wird v. a. auf strukturelle und wachstumsdefizitäre Ursachen zurückgeführt. 1962-73 beschränkte sich die Arbeitslosigkeit v.a. auf eine saisonal und friktionell bedingte Sockelarbeitslosigkeit mit einem »Bodensatz« schwer vermittelbarer Arbeitsloser und einer konjunkturellen Komponente (z. B. in der Rezession 1967/68). Das Verharren der Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau seit 1974 ist gesamtwirtschaftlich durch Stagnationsarbeitslosigkeit und seit 1976 zunehmend durch demographische Arbeitslosigkeit bedingt, verstärkt durch strukturelle Arbeitslosigkeit auf sektoraler und regionaler Ebene. Da mit zunehmender Produktion zunächst Beschäftigungsreserven in den Unternehmen genutzt werden, treten Verbesserungen am Arbeitsmarkt erst mit Verzögerungen ein.
 
 Auswirkungen
 
Selbst bei einer gut ausgebauten Arbeitslosenversicherung wie in Deutschland führt Arbeitslosigkeit für die Betroffenen zu einer spürbaren Senkung des Konsumstandards. Besonders bei dauerhafter Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau kommt es zu Verlagerungen der Leistungen der Arbeitslosenversicherung von Arbeitslosengeld zu Arbeitslosen- und Sozialhilfe sowie zu neuen Formen der Armut.
 
Den fragwürdigen »positiven« Seiten des Arbeitsplatzverlustes (mehr Zeit für die Familie, Chance für eine berufliche Neuorientierung) stehen viele negative Faktoren entgegen. Einkommenseinbußen sowie der Verlust einer geregelten Tätigkeit und die damit einhergehende Aufgabe eines festen Lebensrhythmus können bei den Betroffenen zur Deformation des Selbstkonzeptes (Sich-wertlos-Fühlen), zu Perspektivlosigkeit, Rollenverlust des Mannes als Hauptverdiener und zu sozialer Isolation führen. In empirischen Untersuchungen konnte der Zusammenhang zwischen ökonomischer Situation (eingeschränkte Geldmittel) und psychische Verfassung der Arbeitslosen (Alkoholismus, Depression, Eheprobleme, Resignation) im weitesten Sinne nachgewiesen werden. Auch der gesundheitliche Zustand kann sich verschlechtern, wobei besonders eine Tendenz zu psychosomatischen Erkrankungen besteht. Auch Familienangehörige, insbesondere Kinder, zeigen bei längerdauernder Arbeitslosigkeit der Eltern oder eines Elternteils psychosoziale Auffälligkeiten. Ein durch die Arbeitslosigkeit geförderter Politisierungseffekt konnte jedoch in jüngerer Vergangenheit kaum festgestellt werden.
 
Gesamtwirtschaftlich bedeutet Arbeitslosigkeit Vergeudung knapper Ressourcen, entgangene Produktions- und Konsummöglichkeiten, entgangene Beiträge zur Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung sowie Ausfälle bei den direkten und indirekten Steuern. Über Einnahmeausfälle und Ausgabensteigerungen stellt die Arbeitslosigkeit also eine latente Gefahr für die sozialen Sicherungssyteme dar.
 
In Deutschland beliefen sich die durchschnittlichen jährlichen Kosten für Empfänger von Arbeitslosengeld (1999) auf rd. 45 400 DM in den alten und rd. 37 680 DM in den neuen Bundesländern (Tabelle 6).
 
 Maßnahmen
 
Da sich die verschiedenen Ursachen der Arbeitslosigkeit gegenseitig ergänzen und verstärken und die wirtschaftswissenschaftlichen Erklärungsansätze divergieren, ist eine ursachenadäquate Bekämpfung der Arbeitslosigkeit schwierig.
 
Während friktionelle und saisonale Arbeitslosigkeit durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen (z. B. Verbesserung des Stelleninformations- und Vermittlungssystems) bekämpft werden, sind Strategien zum Abbau konjunktureller, struktureller und wachstumsbedingter Arbeitslosigkeit wirtschaftswissenschaftlich wie wirtschaftspolitisch umstritten. Keynesianische und neoklassisch-monetaristische Konzeptionen stehen sich gegenüber. Zur Bekämpfung konjunktureller Arbeitslosigkeit fordert der Keynesianismus eine expansive Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch antizyklische Geld- und Fiskalpolitik (Globalsteuerung; z. B. Erhöhung der Staatsausgaben, Steuersenkungen, Konjunktur- beziehungsweise Beschäftigungsprogramme). Aus der Kritik an der Wirksamkeit des keynesianischen Instrumentariums fordert die neoklassisch-monetaristische Position einen Verzicht auf antizyklische Eingriffe und statt dessen eine verstetigte, am gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzial orientierte Geld- und Fiskalpolitik.
 
Strukturelle und wachstumsbedingte Arbeitslosigkeit wird seit Beginn der 80er-Jahre in vielen Industrieländern durch angebotsorientierte Wirtschaftspolitik bekämpft (z. B. finanzielle Entlastung und Deregulierung). Demgegenüber fordern keynesianische Konzeptionen (z. B. der DGB, alternative Wirtschaftswissenschaftler) eine dauerhafte Ausweitung der Staatsausgaben, die v. a. über höhere Staatsschulden finanziert werden sollen (z. B. Beschäftigungsprogramme mit Schwerpunkten in den Bereichen Umwelt, Bildung, Energie, Infrastruktur, Forschung und Technologie). Neben diesen offensiven (wachstumsorientierten) Grundstrategien werden auch eher defensive Strategien diskutiert und verfolgt, die auf eine Verringerung des Arbeitsvolumens zielen durch vorübergehende oder dauerhafte Herabsetzung der Jahres- oder Wochenarbeitszeit, Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung sowie Verringerung des Erwerbspersonenpotenzials. So soll z. B. durch wirtschaftspolitisch wegen ihrer Kosten-, Produktivitäts- und Nachfragewirkungen umstrittene Maßnahmen zur Flexibilisierung und Verkürzung der Arbeitszeit sowie Vorruhestands- und Altersteilzeitregelungen (Altersteilzeitarbeit) das Arbeitsangebot reduziert beziehungsweise umverteilt werden. Wegen des sich bereits heute abzeichnenden demographisch bedingten Rückgangs des Erwerbspotenzials ab 2010, wegen Finanzierungsproblemen der Rentenversicherung bei frühzeitigem Eintritt in den Ruhestand und einer ansteigenden Lebenserwartung sind hier aber kaum noch Spielräume gegeben.
 
Ein wesentlicher Beitrag zum Abbau struktureller Arbeitslosigkeit (besonders von Problemgruppen) wird von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen erhofft. Solche Maßnahmen, die v. a. die berufliche und regionale Mobilität der Arbeitskräfte verbessern, werden ergänzt durch regionale und sektorale Strukturpolitik (z. B. Industrieansiedlung in strukturschwachen Gebieten).
 
Wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit in den Mitgliedstaaten der EU hat der Rat der Europäischen Union beschäftigungspolitische Maßnahmen beschlossen, die 1997 in die Wege geleitet wurden und sich auf vier Handlungsfelder erstrecken: 1) Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit; 2) Entwicklung von Unternehmergeist und Schaffung von Arbeitsplätzen; 3) Förderung der Anpassungsfähigkeit der Unternehmen und ihrer Beschäftigten; 4) Verstärkung der Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen und Männer. Diese Handlungsfelder wurden konkretisiert und mit quantitativen Zielvorgaben verbunden. So erging z. B. die Forderung an alle Mitgliedstaaten, allen arbeitslosen Jugendlichen innerhalb von 6 Monaten und allen arbeitslosen Erwachsenen innerhalb von 12 Monaten einen Neuanfang (Ausbildung, Umschulung) zu ermöglichen. Die beschäftigungspolitischen Leitlinien waren von den EU-Ländern in spezifische nationale Aktionspläne umzusetzen. Im März 2000 führte der Rat in Lissabon eine Halbzeitbewertung der bisher realisierten Maßnahmen durch und sprach für die einzelnen Länder konkrete Empfehlungen zur weiteren Verfahrensweise aus. Deutschland wurde v. a. empfohlen, wegen der überdurchschnittlich hohen Langzeitarbeitslosigkeit stärker präventiv tätig zu werden und im Hinblick auf die unbefriedigende Beschäftigungsentwicklung die Lohnnebenkosten zu senken. Die vier Grundpfeiler der beschäftigungspolitischen Leitlinien wurden inzwischen weiter aktualisiert, z. B. um Aktivitäten zum lebenslangen Lernen für einen wissensbasierten Wirtschaftsraum.
 
 Transformations- und Entwicklungsländer
 
In den ehemaligen Staatshandelsländern mit sozialistischer Planwirtschaft (Transformationsländer) trat beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft nach 1989 die verdeckte Arbeitslosigkeit, die bis dahin durch Hortung von Arbeitskräften, unzureichende Nutzung des Qualifikationspotenzials oder durch unproduktive Tätigkeiten verschleiert worden war, offen zutage. In dem Maße, wie sich die privatisierten Unternehmen im nationalen und internationalen Wettbewerb behaupten müssen, werden ineffiziente Produktionsstrukturen abgebaut und in erheblichem Umfang Arbeitskräfte freigesetzt. Die Quote der registrierten Arbeitslosen schwankte (1994) zwischen 4,4 % in der Tschechischen Republik und 14,4 % in Polen; die Unterschiede sind inzwischen aber geringer geworden (1999: 8,8 % beziehungsweise 12,9 %). Die sozialen Sicherungssysteme sind in der Regel noch unzureichend ausgebaut.
 
Die statistische Erfassung der Arbeitslosigkeit in Entwicklungsländern ist unzureichend, obwohl Arbeitslosigkeit eines der drängendsten sozialen und wirtschaftlichen Probleme ist, das sich zukünftig noch verschärfen dürfte, da sich in diesen Ländern das Arbeitskräfteangebot aus demographischen Gründen sehr stark erhöhen wird. So wird im Report der Internationalen Arbeitsorganisation »World Employment« für diesen Länderbereich der Begriff Arbeitslosigkeit kaum verwendet. Es ist überwiegend von Unterbeschäftigung und Armut die Rede.
 
Grundlegende Unterschiede zur Arbeitslosigkeit in Industrieländern bestehen v. a. darin, dass soziale Sicherungssysteme kaum vorhanden sind und dass die versteckte die registrierte Arbeitslosigkeit bei weitem übertrifft. Besondere Erscheinungsformen versteckter Arbeitslosigkeit in Entwicklungsländern sind aufgrund der spezifischen Wirtschaftsstruktur (z. B. hoher Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt, einseitige Abhängigkeiten vom Export weniger Rohstoffe): 1) saisonale Arbeitslosigkeit: das Erwerbspersonenpotenzial wird nur bei Bodenbestellung und Ernte ausgelastet; 2) konjunkturelle Arbeitslosigkeit: der Beschäftigungsgrad schwankt entsprechend den Nachfrageschwankungen für Rohstoffe auf dem Weltmarkt; 3) strukturelle Arbeitslosigkeit: dauerhafte Unterbeschäftigung im Bereich der Subsistenzwirtschaft (v. a. Afrika, südliches Asien). Hinzu kommt verstärkt die mangelhafte Ausnutzung des Erwerbspersonenpotenzials in den städtischen Regionen: Aufgrund fehlender regulärer Beschäftigungsmöglichkeiten gehen die Menschen in großer Zahl in den so genannten informellen Sektor (z. B. Straßenhandel, Schuhputzkolonnen), dessen Einkünfte kaum zur Befriedigung der Grundbedürfnisse ausreichen. Weitere Beschäftigungsprobleme der Entwicklungsländer sind geringe Arbeitsproduktivität, unzureichendes Wirtschaftswachstum, die Aneignung und zum Teil auch Verschwendung beträchtlicher Teile des Bruttosozialprodukts durch eine Minderheit sowie die steigenden Auslandsschulden (Schuldenkrise).
 
Zur Beseitigung der hohen Arbeitslosigkeit in den Entwicklungsländern und zur Sicherung eines Mindesteinkommens für die Befriedigung elementarer Bedürfnisse ist eine beschäftigungsorientierte Entwicklungsstrategie notwendig: Investitionen in die Erwerbspersonen (v. a. bessere Ausbildung), in die ländlichen Regionen, in arbeitsintensive Produktionsmethoden (angepasste Technologie) und in die Herstellung lebensnotwendiger Gebrauchsgüter, Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität, Schaffung nichtlandwirtschaftlicher Arbeitsplätze bei gleichzeitigem Ausbau der ländlichen und städtischen Infrastruktur. Die industrielle Entwicklung kann durch die Übertragung von Sachkapital, von Technologie und Know-how in projektbezogenen »Paketen« gefördert werden, wobei die einheimischen Arbeitskräfte im Land selbst qualifiziert werden sollten. Die Durchsetzung solcher Maßnahmen ist politisch nicht einfach. Sie setzt oft Strukturreformen voraus (z. B. Agrarreformen) und kann unerwünschte Nebenwirkungen auslösen (z. B. verstärkte Landflucht), die regional oder sektoral Arbeitslosigkeit noch verschärfen können.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Entwicklungspolitik · Keynesianismus · Konjunktur · Monetarismus · Neoklassik · Stabilitätspolitik · Wachstum
 
 
Bringt die EU-Beschäftigungsoffensive den Aufschwung?, hg. v. H. König (1994);
 U. Vollmer: A. in sozialist. Planwirtschaften (1994);
 
 
Wirtschaftsstruktur u. Arbeitsplätze im Wandel der Zeit, hg. v. H. G. Merk (1994);
 
Erwerbstätigkeit u. A.: Entwicklung, Ursachen, Maßnahmen, hg. v. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern u. Sachsen (1998);
 H.-J. Stadermann: A. im Wohlfahrtsstaat (21998);
 L. Funk: Institutionell verhärtete u. politisch rationale A. in der Bundesrepublik Dtl. (1999);
 W. Klauder: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Mit offensiven Strategien zu mehr Beschäftigung (Zürich 1999);
 
Arbeitsmarkt- u. Beschäftigungspolitik in der EU, hg. v. H.-W. Platzer (2000);
 W. Pauer: Strukturelle A.Sektorale Schocks u. Mismatch in der Europ. Union (Wien 2000);
 
Soziale Sicherheit u. Strukturwandel der A., hg. v. H. G. Zilian u. J. Flecker (2000);
 
Wachstum, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Beiträge von H. Buscher u. a. (2000);
 
Zw. A. u. Überstunden, hg. v. D. Alewell (2000);
 U. Blien: A. u. Entlohnung auf regionalen Arbeitsmärkten (2001);
 M. Miegel u. S. Wahl: A. in Deutschland. Phantom und Wirklichkeit (2001);
 S. Munz u. W. Ochel: Fachkräftebedarf bei hoher A. (2001;
 O. Negt: Arbeit u. menschliche Würde (2001);
 
Unemployment in the new Europe, hg. v. N. Bermeo (Cambridge 2001.
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Arbeitslosigkeit: Ursachen der Arbeitslosigkeit
 
Beschäftigung: Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
 
Inflation: Inflation und Stagflation
 
Konjunktur: Konjunktur und Konjunkturverlauf
 

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Ạr|beits|lo|sig|keit, die; -: 1. das Arbeitslossein; Zustand, ↑arbeitslos (1) zu sein. 2. das Vorhandensein von Arbeitslosen: es gab kaum, keine A.

Universal-Lexikon. 2012.

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